22 Schulprofil Warum diese Schule anders ist – es fängt mit den Menschen an Zwanzig Jahre, in denen ich morgens nach Seligenthal gefahren bin – anfangs als Lehrerin, die sich noch ein bisschen verloren vorkam, danach als Stellvertreterin, die „Führungsverant- wortung“ zu übernehmen gelernt hat, und heute als jemand, die mit etwas Abstand auf all das schaut und sagen kann: Ich würde es wieder tun. Diese Schule hat mich geprägt. Und ich behaupte – ich habe auch ein kleines Stück dazu beigetragen, sie (mit) zu prägen. Dieser Bericht ist kein Rechen- schaftsbericht. Mehr ein Versuch, in Worte zu fassen, was unsere Wirt- schaftsschule so besonders macht – und warum ich nach wie vor mit Freude hierherkomme. Ich erinnere mich an meinen ersten Tag. Nach meiner bisherigen Tätigkeit an einer Realschule etwas aufgeregt, übervorbereitet und auch ein wenig überfordert. Was ich nicht erwartet hatte, dass mich ein Kollegium emp- fängt, das sich Zeit nimmt und mir auch Zeit gibt, mich einzuleben. Zeit für Gespräche, Zeit für Zweifel, Zeit für Fehler. Diese Kultur des Miteinanders – sie war damals schon da, und sie ist es auch heute. Eine Schulfamilie, die ihre Schülerinnen und Schüler beim Namen kennt, nicht nur von ihrer Klassenlehr- kraft, sondern von vielen im Haus. Man grüßt sich, fragt nach und kümmert sich. Eine Schule, die jedem eine Chance gibt: Ob jemand von der Mittelschule kommt, vom Gymnasium oder der Real- schule abgegangen ist oder nach einem Umweg eine neue Richtung sucht – die Wirtschaftsschule öffnet Türen. Die 2- stufige, 4-stufige, 5-stufige oder mitt- lerweile 6-stufige Wirtschaftsschule bietet für jeden Schüler den richtigen Einstieg. Das Ziel – die Mittlere Reife – ist für alle erreichbar. Das ist nicht nur ein Bildungsangebot. Ich habe in diesen zwanzig Jahren viele dieser Wege begleitet. Schülerinnen und Schüler, die am Ende mit einem erfolgreichen Abschluss und zugleich mit großem Stolz aus dieser Schule gegangen sind. Diese Momente vergisst man nicht. An sich selbst glauben und immer neugie- rig bleiben auf das, was danach kommt. Was diese Schule aus jungen Menschen macht, ist mehr als Wissen. Sie formt Persönlichkeiten, die gelernt haben, ihre Stärken und Schwächen zu kennen und aus dieser Erkenntnis, für sie best- mögliche Entscheidung zu treffen. Selbstverständlich vermitteln wir Unter- richtsstoff und bereiten auf Prüfungen vor. Worauf ich am Ende eines Schul - jahres besonders stolz bin, sind Schüler, die gelernt haben, vor der Klasse zu sprechen. Auf den Schüler, der im Prak- tikum plötzlich gemerkt hat, was er kann. Auf die Gruppe, die gemeinsam ein Projekt gestemmt hat und dabei über sich hinausgewachsen ist. Eigen- initiative ist erlaubt und gewollt. Kreati- vität hat Platz. Teamfähigkeit wird nicht nur gefordert, sondern geübt – im All- tag, in Projekten, im Austausch mit lokalen Unternehmen, auf Berufsmes- sen oder bei Auslandsaufenthalten wie unserem Schüleraustausch in Vallado- lid. Werteorientierung – ein Fundament, das hält: Was diese Schule von anderen unterscheidet, lässt sich schwer in Zah- len fassen. Es ist die Haltung. Eingebet- tet in die christliche Tradition der Schul- stiftung fließen Werte wie Würde, Res- pekt und Mitgefühl in alles ein – in den Unterricht, in den Umgang miteinander, in die Art, wie wir über schwierige The- men sprechen. Ob es um Fake News im Internet geht, um Mediensucht, um den Psalm 23 oder um das natürliche Eier- färben vor Ostern: Hinter allem steckt die Frage, wie wir miteinander und mit der Welt umgehen wollen? Unsere Schule ist nicht perfekt … ich behaupte, diese gibt es gar nicht. Aber sie ist ein „ehrlicher“ Ort. Ein Ort, der seinen Schülerinnen und Schülern sagt: Du bist wichtig. Du kannst etwas. Wir glauben an dich. Und dann – das erlebe ich immer wieder – tun die jungen Men- schen genau das: Sie wachsen über sich hinaus. Renate Lehner